Corona: Zwischen Fakten und Fake News

Corona: Zwischen Fakten und Fake News

Die Corona-Situation in den verschiedenen KrankenhÀusern könnte unterschiedlicher nicht sein.

EXKLUSIV – REPORTAGE | Zum Thema Corona kursieren gerade im Internet allerlei Verschwörungstheorien. Dabei bleibt es nicht nur bei Falschinformationen, auch wirklich skurril erscheinende Behauptungen werden tausendfach geteilt. Ob es nun um Bill Gates geht, der mithilfe von Zwangsimpfungen die Welt regieren will, eine Kollektive von eliteritĂ€ren Kinderfressern oder darum, dass der Virus gar nicht existiere – viele Influencer, YouTuber und sogar Promis verbreiten Nachrichten aus fragwĂŒrdigen Quellen.

In Spanien zum Beispiel ist der „Frontmann” der Verschwörungstheoretiker der Yogalehrer Fernando VizcaĂ­no. Er hatte in Madrid Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen organisiert, bis sie von der Regierung verboten wurden. Auf seinem inzwischen gelöschten YouTube-Kanal behauptete er, dass die Pandemie nur eine Farce ist. Sie sei da, um die Freiheit der einfachen Menschen einzuschrĂ€nken und eine neue Weltordnung einzuleiten.

Fakt und Mythos vermischen sich schnell, gerade im Netz, gerade zu dieser hektischen Zeit, in der man jeden Tag von Unmengen neuer Informationen und Vermutungen zur Pandemie ĂŒberschĂŒttet wird.

Einige Gegebenheiten werfen durchaus Fragen auf: Warum hat die USA das Labor in China finanziell unterstĂŒtzt? Wusste Bundeskanzlerin Merkel durch einen Bericht vielleicht schon 2013, was 2020 passieren wĂŒrde? Ist der Coronavirus wirklich schlimmer als die Grippe, wenn sich die Sterberaten so sehr Ă€hneln? Warum sollte man auf einen Impfstoff warten, wenn beim Aufheben der Sicherheitsmaßnahmen die HerdenimmunitĂ€t erreicht werden könnte?

Wir haben geschaut, an welchen Theorien zum Coronavirus wirklich etwas dran ist. DafĂŒr gehts zurĂŒck zum Anfang: zur 11,08-Millionen-Menschen-Stadt Wuhan im Osten Chinas, wo das sogenannte “neuartige” Coronavirus erstmals im Dezember 2019 identifiziert wurde.

Wuhan - Quelle: Wikimedia
Die AnfÀnge des neuartigen Coronavirus sollen in der chinesischen Stadt Wuhan gewesen sein. - Quelle: Wikimedia

Von FledermÀusen und Hochsicherheitslaboren

Coronaviren sind schon seit langem bekannt, jedoch eher unter SĂ€ugetieren und Vögeln verbreitet. Die ersten mit dem neuartigen Coronavirus infizierten Menschen sollen sich auf dem Huanan Seafood Market angesteckt haben, angeblich durch Kontakt mit FledermĂ€usen. Es stimmt, dass Tiere, auch Haustiere wie Hunde, sich mit COVID-19 anstecken können – doch eine Ansteckung zwischen Mensch und Tier mit dem neuartigen Coronavirus konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

Trotzdem ist die Krankheit offiziell als Zoonose eingestuft. Darunter versteht man Erkrankungen, die von Tieren auf Menschen ĂŒbertragen werden. Dementsprechend soll die erste menschliche Infektion durch direkten Kontakt mit einem Tier oder dem Konsum von tierischen Beiprodukten entstanden sein – ob also jemand eine Fledermaus verspeist hat oder der Virus durch verschiedene Zwischenwirte in einen menschlichen Körper gewandert ist, ist bisher unklar.

Auch eine andere Theorie bezieht FledermĂ€use ein: Auf der anderen Seite des Yangtze Rivers, der sich durch Wuhan schlĂ€ngelt, befindet sich nur 14 Kilometer entfernt das Institute of Virology. Das bisher einzige offizielle chinesische Labor der biologischen Schutzstufe Vier wurde Anfang 2015 eingeweiht. Es darf mit Biostoffen der höchsten Risikogruppe arbeiten. Kommt die Pandemie aus diesem Hochsicherheitslabor? Falls ja, war es ein Unfall
 oder gewollt?

Li-Meng Yan, ehemalige Forscherin der Hong Kong School of Public Health will Beweise fĂŒr letzteres liefern. Laut ihr sei eine Tier-zu-Mensch-Übertragung aufgrund der biologischen Beschaffenheit des Virus unmöglich – COVID-19 sei nicht auf natĂŒrlichem Weg entstanden.

Die Regierung Hongkongs hatte sie beauftragt, mehr ĂŒber die neue SARS-Erkrankung in Wuhan herauszufinden. Sie hatte die letzten fĂŒnf Jahre an einer Grippeimpfung gearbeitet. Bei ihren Forschungsarbeiten soll sie ein Cluster gefunden haben, dass eindeutig auf Mensch-zu-Mensch-Ansteckung hinweist, was laut ihr von Beijing verschleiert wurde. Nachdem sie immer mehr Zensur im Heimatland zu der kommenden Pandemie bemerkt hatte, ging sie Ende April in die USA.

Nun möchte sie zusammen mit anderen Virologen und Medizinern in den USA wissenschaftlich basierte Beweise fĂŒr ihre Aussage zusammenstellen. Aktuell liegen aber noch keine konkreten Daten ihrerseits vor.

Viele Forscher sind wegen diesen fehlenden Beweisen skeptisch. Vor allem ĂŒber ihre Beziehung zu den USA gerĂ€tselt. Li-Meng Yan hat mehreren Berichten zufolge einige Verbindungen zu Persönlichkeiten, die mit US-PrĂ€sidenten zu tun haben. Was also ist die Rolle der USA in dem ganzen Spektakel?

Das US-National Institute of Health hat im Juni bestĂ€tigt, dass die Regierung und das Forschungszentrum “National Institute of Allergy and Infectious Diseases” von 2014 bis 2019 ein Projekt zu Coronaviren in FledermĂ€usen mit 3,4 Millionen Dollar unterstĂŒtzt hat. Das Projekt wurde von der Nichtregierungsorganisation EcoHealth Alliance mit Hauptsitz in New York ausgefĂŒhrt. Ihre Hauptaufgabe ist die Forschung zur Vorhersage und Verhinderung von Pandemien, Projekte werden in mehr als 30 LĂ€ndern durchgefĂŒhrt. Laut Politifact und USA Today soll EcoHealth Alliance das Labor in Wuhan mit knapp 600.000 Dollar unterstĂŒtzt haben. Im FrĂŒhjahr 2018 wurde in Kooperation mit dem Labor ein Virus in FledermĂ€usen gefunden, dass sich scheinbar auf Menschen ĂŒbertragen könnte. SARS-infizierte Patienten, die bei der Studie untersucht wurden, hatten keinen Kontakt zu anderen Infizierten, dafĂŒr aber zu Tieren. Ob in dem Labor in Wuhan letztendlich aber Versuche an FledermĂ€usen durchgefĂŒhrt wurden, ist unklar.

Coronaviren, die Menschen infizieren können, sind nichts Neues. Bereits 2002-2003 gab es eine Pandemie, die von SĂŒdchina ausging und an der insgesamt 774 Menschen starben. In Deutschland gab es nur neun Infizierte, in Spanien einen einzigen Fall. Bekannt wurde diese  Erkrankung als SARS-Epidemie.

Nicht vergleichbar also mit der heutigen Situation, doch man wĂŒrde meinen, wir hĂ€tten daraus gelernt. Das bringt uns zum nĂ€chsten Punkt, der ohne Kontext schnell falsch aufgefasst werden kann: der „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“. Er wurde 2013 dem Bundestag vorgelegt und beschreibt fast genau, was anfĂ€nglich bei der Pandemie 2020 passieren wĂŒrde.

Das Bundesamt fĂŒr Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe spricht in dem Bericht von einer Pandemie durch den “Modi-SARS”-Virus, der sich von Asien her ausbreitet. Dieser war allerdings ausgedacht und an dem Coronavirus der Pandemie von 2002 bis 2003 angelehnt. Die Prognose in diesem Bericht sollte einer neuen Pandemie vorbeugen. Allerdings wurde im Bericht angenommen, dass alle Altersgruppen gleich stark betroffen sind, dass 10 % der Erkrankten sterben und es ĂŒber drei Jahre verteilt drei Wellen gibt. Die Autoren sind dabei von einem Worst-Case-Szenario ausgegangen – die Prognose lĂ€sst sich also nicht einfach auf den heute kursierenden Virus ĂŒbertragen. Trotzdem ist es verstĂ€ndlich, dass die Ähnlichkeit zwischen dem fiktionalen “Modi-SARS”-Virus und dem uns bekannten “SARS-CoV-2” einige Leute stutzig gemacht hat.

Gerade die Rate der LetalitĂ€t des neuartigen Virus fĂŒhrt zu Verwirrung. Eine genaue Nummer scheint sich nirgendwo finden zu lassen. Das bringt uns zum nĂ€chsten Punkt, welcher heftig diskutiert wird: Der Coronavirus ist doch eigentlich nur eine Grippe, oder?

Corona vs Grippe – was ist schlimmer?

Die erste Schwierigkeit bei einem Vergleich der beiden Krankheiten ist die Methode, wie die MortalitĂ€t registriert wird. Die TodesfĂ€lle der saisonalen Influenza werden mit statistischen Modellen geschĂ€tzt, TodesfĂ€lle durch COVID-19 aber mit Labor bestĂ€tigten FĂ€llen verzeichnet. Dazu kommt, dass die Zahl der jĂ€hrlichen Grippeopfer stark schwankt – zwischen einigen Hundert bis 25.000. Bei einem “gewöhnlichen” Verlauf der Grippewellen wird von einer Influenza-Sterberate von 0,1-0,2 % ausgegangen.

Wie steht diese also im Vergleich zum Coronavirus? Die Gangelt-Studie geht davon aus, dass weltweit etwas mehr als einer von 500 Corona-Infizierten stirbt. Das wĂ€ren 0,2 % – kaum mehr als Grippetote. Stanford-Professor und Gesundheitswissenschaftler John Ioannidis ist einen Schritt weiter gegangen und hat 61 Studien aus der ganzen Welt ausgewertet. Demnach sterben durchschnittlich 0,23 % der Menschen, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben. Die Rate schwankt aber stark nach Region und Altersgruppen: es lassen sich Werte zwischen 0,05 % und 0,57 % finden. Laut ihm ist das Coronavirus zwar tödlicher als die Grippe, aber nicht so gefĂ€hrlich wie von manchen vermutet. Im Endeffekt mĂŒsse man die Sterberate fĂŒr jede Region einzeln berechnen, am besten sogar fĂŒr jede Gemeinde.

Ein Großteil der Menschen, die das Virus bekommen, haben außerdem leichte Symptome. Bisher gilt Corona aber als ansteckender: Ein Corona-Infizierter soll ohne Schutzmaßnahmen durchschnittlich zwei bis drei andere Personen anstecken, Grippekranke um die ein bis drei.

Außerdem hat das Coronavirus im Gegensatz zur Grippe einige Besonderheiten, namentlich die Inkubationszeit und den Krankheitsverlauf. Die Corona-Inkubationszeit liegt bei zwei bis 14 Tagen. Bei der Grippe sind es nur ein bis zwei Tage. In der ganzen Zeit ist der Infizierte in der Lage, andere per Tröpfcheninfektion anzustecken ohne selbst von der Krankheit zu wissen. Auch, wenn kaum oder keine Symptome entstehen wird der Erreger trotzdem verbreitet. Was fĂŒr den einen vielleicht nur ein trockener Hals ist, kann fĂŒr den anderen verheerende Folgen haben: Circa 5-10 % aller infizierten Personen mĂŒssen intensivmedizinisch behandelt werden. Laut dem Helios-Magazin verbringen diese COVID-Patienten fast doppelt so viel Zeit auf der Intensivstation wie Grippepatienten. Bei einem raschen Anstieg von Infektionen besteht also das Risiko, das Gesundheitssystem schnell zu ĂŒberlasten – Beispiel dafĂŒr war die Ausnahmesituation in Italien und Spanien. Virologe Andreas Dotzauer wies zudem darauf hin, dass der Coronavirus nicht nur die Atemwege befĂ€llt. Es handelt sich um eine systematische Erkrankung. „Es breitet sich im gesamten Körper aus, verschiedene Organe werden infiziert. Das Immunsystem, beziehungsweise die Immunantwort, gerĂ€t völlig aus der Balance. Typisch sind die EntzĂŒndungsreaktionen, die im ganzen Körper stattfinden.”

Besorgniserregend sind auch mögliche Langzeitfolgen. Die Ausbreitung zunĂ€chst bestmöglich einzudĂ€mmen scheint also sinnvoll – doch sind die strikten Maßnahmen der Regierung angebracht?

So sinnvoll ist QuarantÀne wirklich

Ob die QuarantĂ€ne sinnvoll ist? Das lĂ€sst sich mit einem Blick in die Vergangenheit herausfinden: vor ungefĂ€hr 100 Jahren, bei der letzten großen und bisher tödlichsten Grippe-Pandemie der Weltgeschichte. In nur zwei Jahren, von 1918 bis 1920, tötete die spanische Grippe mehr Menschen als im gesamten Ersten Weltkrieg gefallen sind.

New York City reagierte damals schnell auf den unbekannten Erreger. Noch elf Tage, bevor ein Anstieg der MortalitĂ€t verzeichnet wurde, wurden strikte Sicherheitsmaßnahmen umgesetzt. New York errichtete provisorische KrankenhĂ€user, schloss Schulen, schrĂ€nkte den öffentlichen Nahverkehr ein und steckte eventuell infizierte Personen sofort in QuarantĂ€ne.

Die Stadt Pittsburgh handelte nicht so fix: Es dauerte sieben Tage, nachdem die Zahl der Toten angestiegen war, bis öffentliche Veranstaltungen verboten wurden. Nach 20 Tagen wurden die Schulen geschlossen. Es gab 807 TodesfĂ€lle auf 100.000 Einwohnern, fast doppelt so viele wie in New York. Das machte die Pittsburgh zur am schwersten getroffenen Großstadt in den Staaten.

Die Zahlen sprechen fĂŒr sich: zurĂŒck in 2020, als sich der Coronavirus im April zur Pandemie entwickelte, veröffentlichte ein Forschungsteam der Charity-Organisation Cochrane Österreich einen Bericht zu QuarantĂ€nemaßnahmen. Sie hatten Studien der ganzen Welt analysiert und zusammengefasst. Laut ihren Ergebnissen können durch schnelle QuarantĂ€ne von Kontaktpersonen 44-81 % der Infektionen eingedĂ€mmt werden. Das kann 31-63 % der TodesfĂ€lle verhindern.

Doch sobald es zu QuarantĂ€ne und Hygienemaßnahmen kommt, hĂ€uft sich erneut allgemeine Unmut und sich widersprechende Aussagen. Der womöglich grĂ¶ĂŸte Streitpunkt ist, ob ein StĂŒck Stoff wirklich den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten kann.

Gesichtsmasken sind fĂŒr viele ein großer Streitpunkt. - Quelle: Redaktion Archiv
Gesichtsmasken sind fĂŒr viele ein großer Streitpunkt. - Quelle: Redaktion Archiv

SchĂŒtzen Masken oder schaden sie?

Anfangs schienen Experten dauerhaft in hitzigen Diskussionen zu stecken, ob eine Mund-Nase-Maske im Alltagsgebrauch sinnvoll ist. Viel besser sei es doch, Abstand zu halten. Selbst die WHO befand einen Atemschutz anfangs als kaum sinnig. Erst nachdem sie ihre eigene Analyse durchgefĂŒhrt hatte, sprach sie die Empfehlung zum Tragen einer Maske aus. Laut ihren Daten sind MaskentrĂ€ger bis zu sechsmal weniger gefĂ€hrdet. So unterschiedlich die Masken auf dem aktuellen Markt sind, so groß sind auch die Unterschiede bei ihren Schutzfunktionen: gerade selbstgenĂ€hte und dĂŒnne Masken können Aerosole nicht ganz aus der Luft filtern. FFP2 und FFP3-Masken schĂŒtzen einen selbst und andere sehr gut, sind aber ĂŒberwiegend fĂŒr medizinisches Personal vorbehalten und könnten die Atmung erschweren. Gerade das fĂŒhrt zu Unruhe: GerĂŒchte, dass Menschen wegen Gesichtsmasken umkippen oder sterben hĂ€ufen sich in sozialen Netzwerken. Wie gesund kann es schon sein, seinen eigenen Atem zu “recyclen”?

Unsere Atemluft besteht zu etwa 21 % aus Sauerstoff. Die ausgeatmete Luft hat nur noch um die 17 %. Etwa 4 % wird also von unserem Körper zu CO2 konvertiert. Der Streitpunkt wird beim Maskentragen als CO2-RĂŒckatmung bezeichnet. Viele Maskenskeptiker beziehen sich auf eine Studie der Technischen UniversitĂ€t MĂŒnchen aus 2005, namens „RĂŒckatmung von Kohlendioxid bei Verwendung von Operationsmasken als hygienischen Mundschutz an medizinischem Dachpersonal”. Sie ergab, dass CO2 nur teilweise aus OP-Masken entweichen kann und die 15 Teilnehmer einen höheren CO2-Wert im Blut hatten. Trotzdem wies keiner davon einen unregelmĂ€ĂŸigen Herzschlag oder eine beschleunigte Atmung auf. CO2 ist ein Gas, was nicht im Stoff hĂ€ngen bleibt, weshalb eigentlich mit jedem Atemzug neuer Sauerstoff “zugefĂŒhrt” wird.

Auch eine Studie vom deutschen Ärzteblatt hat mit einem Fahrradergometer die AtemkapazitĂ€t von 24 freiwilligen Krankenhausmitarbeitern getestet. Beim Tragen von gĂ€ngigen Gesichtsmasken und kurzer Anstrengung kam es zu einer leichten VerĂ€nderung der Blutgaswerte. Diese seien ungefĂ€hrlich, doch gerade weniger trainierte Personen merkten besonders unter FFP2-Masken Symptome wie Kurzatmigkeit, Kopfschmerzen, HitzegefĂŒhl oder Schwindel.

Die Angst vor Atembeschwerden ist nicht das einzige Problem, dass die Maskenpflicht mit sich bringt: viele Leute wiegen sich in Sicherheit, nur weil sie eine Maske tragen. Sie halten deshalb wieder weniger Abstand. Außerdem berĂŒhrt man das Gesicht automatisch mehr, wenn die Maske nicht richtig sitzt. Das regelmĂ€ĂŸige Wechseln ist wichtig, doch dass jeder seine Maske tagtĂ€glich bei 60 Grad in die Waschmaschine steckt, scheint eine ĂŒbertriebene Erwartung.

Besonders Alltagsmasken sollen jedoch unbedenklich sein, wenn keine schwerwiegende Atemwegserkrankung vorliegt. Die meisten Masken im Umlauf schĂŒtzen aber eher die Personen im Umfeld, als den TrĂ€ger. Zudem bilden die SchleimhĂ€ute der Augen eine Eintrittsmöglichkeit fĂŒr den Virus, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafĂŒr kleiner ist. Obwohl die Masken langsam zum Fashion-Statement werden, freut sich der Großteil der Bevölkerung sicher darauf, sie irgendwann in eine Schublade verbannen zu können. Die Frage ist nur: wann wird das möglich sein?

Der Impfstoff

Die WHO rechnet damit, dass das Impfen Mitte nĂ€chsten Jahres losgehen kann. Aktuell sind 44 Kandidaten fĂŒr den Impfstoff im klinischen Teststadium und ĂŒber 150 in der vorklinischen Entwicklung. Um in Deutschland in die Zulassungsphase zu kommen, muss der Stoff alle drei klinischen Testphasen bestehen. In der letzten Phase erhalten mehrere tausend bis mehrere zehntausend Freiwillige den Impfstoff. Dabei wird beobachtet, welche seltenen Nebenwirkungen auftreten könnten. Erst, wenn ein Stoff absolut sicher und erprobt ist kann er in die Massenproduktion kommen. Deutschland hat mit Frankreich, Italien und den Niederlanden eine Impfallianz gebildet, die die Lieferung der Impfdosen an alle Mitglieder der EU betreuen soll. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bestĂ€tigte, dass die Impfung freiwillig ist und sich niemand vor Zwangsimpfungen fĂŒrchten mĂŒsse.

Dabei ist anzumerken, dass wenn der Impfstart Mitte 2021 stattfindet, nicht jeder sofort geimpft sein wird. Die StĂ€ndige Impfkommission arbeitet aktuell an einem Konzept, welches bestimmen soll, wer den Impfstoff zuerst bekommen sollte. Medizinisches Personal und Angehörige der Risikogruppen erhalten wahrscheinlich PrioritĂ€t. Laut dem ehemaligen stellvertretenden Vorsitzende des SachverstĂ€ndigenrats Gesundheit der Bundesregierung, Matthias Schrappe, wird das Durchimpfen vermutlich mindestens vier Jahre dauern. Dabei geht er davon aus, dass 60 Millionen Menschen geimpft werden mĂŒssen und pro Arbeitstag 60.000 Impfdosen verteilt werden können. Das sei laut ihm aber recht optimistisch – das Wegimpfen von Pocken und Polio hat Jahrzehnte gedauert.

Falls die ImmunitĂ€t durchs Impfen also noch so weit entfernt ist – warum wird dann nicht eine andere Art von ImmunitĂ€t in Betracht gezogen?

In Mumbai konnte sich der Virus rasch verbreiteten und viele Menschen haben bereits Antikörper gebildet. - Quelle: Wikimedia
In Mumbai konnte sich der Virus rasch verbreiteten und viele Menschen haben bereits Antikörper gebildet. - Quelle: Wikimedia

Das Problem mit der HerdenimmunitÀt

Spanien ist bekanntlich besonders schwer von der Krise betroffen. Laut einer landesweiten Studie mit 61.000 Teilnehmern durch das Fachjournal “Lancet” haben bisher aber nur 5 % der Bewohner Antikörper gebildet. Um den Status der HerdenimmunitĂ€t zu erreichen, mĂŒssen mindestens 60 % der Bevölkerung Antikörper besitzen.

Der Weg dorthin ist nicht kurz, und vor allem nicht ohne Einbußen. Die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Virologie erinnert, dass beim Aufheben von Sicherheitsmaßnahmen sehr schnell sehr viele Menschen sterben wĂŒrden. Ein Beispiel dafĂŒr sind die Altenheime in Schweden. Außerdem gibt es einige Risikogruppen, die nicht ausreichend kontrolliert und isoliert werden könnten: Übergewicht, Diabetes, Krebserkrankungen, Niereninsuffizienz, chronische Atemwegserkrankungen, Lebererkrankungen, SchlaganfĂ€lle und Schwangerschaft fĂŒhren zu besonders schweren KrankheitsverlĂ€ufen. Einige Corona-Patienten wussten bis zu ihrer Infektion nicht einmal, dass sie vorerkrankt waren.

Selbst wenn also die GefĂ€hrdung von Risikogruppen in Kauf genommen wird: ist ImmunitĂ€t nach einer Coronainfektion ĂŒberhaupt garantiert?

“Eine Infektion mit SARS-CoV-2 induziert die Bildung unterschiedlicher Antikörperklassen. Unklar ist zum jetzigen Zeitpunkt noch, wie regelhaft, robust und dauerhaft dieser Immunstatus aufgebaut wird”, so das Robert-Koch-Institut.

Laut Kim Sneppen, Professor fĂŒr BiokomplexitĂ€t am Niels-Bohr-Institut, tauchen vereinzelt FĂ€lle einer zweiten Infektion auf. Bei einer schwedischen Frau in Göteborg beispielsweise sah der Virusstamm bei der zweiten Infektion etwas anders aus. Die neue Infektion geschah also unabhĂ€ngig von der alten. Der Krankheitsverlauf war aber, wie in den meisten FĂ€llen einer Zweitinfektion, milder, was ein Anzeichen von ImmunitĂ€t ist. 

Die grĂ¶ĂŸte Hoffnung auf mögliche HerdenimmunitĂ€t findet sich in Indien: Nach den USA und Brasilien gibt es dort die weltweit dritthöchsten Fallzahlen. Beim Testen auf Corona-Antikörper wurde festgestellt, dass fast der dritte Mensch in der Hauptstadt Neu-Delhi Antikörper hatte (29,1 %). In den Slums von Mumbai wurden sogar ganze 57 % der Bewohner positiv auf Antikörper getestet. Allerdings bedeutet dies nicht automatisch ImmunitĂ€t, sondern lediglich die Genesung nach der Infektion. Ob die Antikörper den Erreger bei einer zweiten Infektion neutralisieren, ist bisher noch nicht sicher.

Roger Shapiro, Professor fĂŒr Immunologie und Infektionskrankheiten an der Harvard University, rĂ€t zu mehr Geduld. „Wir hoffen darauf, dass Studien beweisen, dass man von Antikörpern geschĂŒtzt ist, sobald man eine Infektion hinter sich hat. Das können wir aber erst bestĂ€tigen, wenn aktuelle Studien es auch zeigen. Wir wissen nicht, wie wir an ImmunitĂ€t kommen und wie lange diese hĂ€lt, doch erste Vermutungen sind optimistisch.“

Optimismus ist momentan sehr wichtig – doch auf dem Weg zur ImmunitĂ€t befindet sich ein weiterer Faktor, der in Betracht gezogen werden muss: mögliche Langzeitfolgen durch eine Infektion.

Die Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung

Der Lungenforscher Tobias Welte redete in einem Interview mit Weser-Kurier vom “Post-Covid-Syndrom”. Einige seiner Patienten klagen ĂŒber Langzeitfolgen – selbst wenn ihre COVID-19-Erkrankung mild verlaufen ist.

Er beobachtet vor allem OrganschwĂ€chen. Am Computertomografen sind VerĂ€nderungen an der Lunge zu sehen, die Patienten leiden unter Atemnot und seien hĂ€ufig mĂŒde. Manche haben KonzentrationsschwĂ€chen oder GedĂ€chtnisstörungen. 15 % seiner Patienten haben Probleme mit dem Geschmackssinn, teilweise noch sechs Monate nach Genesung vom Virus. Ein Großteil der LungenschĂ€den sind laut ihm reversibel, können aber noch Wochen nach Ende der Erkrankung Schwierigkeiten bereiten.

Auch Professor Clemens Wendtner der MĂŒnchen Klinik Schwabing berichtet, dass 30 % aller Corona-Patienten noch Monate nach der Erkrankung Atemwegsprobleme haben und MĂŒdigkeit verspĂŒren. Bei einigen fĂŒhren die anhaltenden Symptome sogar zu Depressionen.

Das Warten auf Antworten

Letztendlich bleibt es dabei, dass sich jeder einzelne durch die Unmengen an Fakten und Fake-News wĂŒhlen muss, nur um dabei teils unklare Antworten zu finden. Soziale Netzwerke arbeiten daran, Fehlinformationen als solche zu kennzeichnen. Experten reden trotzdem durcheinander, fragwĂŒrdige Informationen werden schneller geteilt als man enthusiastisch “Verschwörung!” sagen kann und auf der ganzen Welt befindet sich keine Person, die alle Antworten hat. Das ist der springende Punkt dabei – die Pandemie ist kompliziert, das medizinische Fachjargon verwirrend, Zahlen und Daten inkonsistent. Deshalb ist es sinnvoll innezuhalten, wenn jemand eine einfache Lösung fĂŒr das ganze Thema sieht.

Einige Gruppen machen sich die Verwirrung, Panik und Uneinigkeit zunutze, um ihre eigene Ideologie voranzubringen. Leute, die verzweifelt nach einfachen Antworten suchen, sind das perfekte Ziel. Dazu kommen Individuen, die in der Krise eine wunderbare GeschĂ€ftsmöglichkeit sehen. Es ist leicht, sich vorzustellen, dass es Menschen gibt, die von der Pandemie profitieren. Es ist leicht, die Schuld dafĂŒr auf bestimmte Personengruppen zu schieben. Vor allem ist leichter sich ĂŒber eine Person oder eine Institution zu Ă€rgern, als konfrontiert mit dem aktuellen Weltgeschehen absolut zu verzweifeln.

Dementsprechend ist ein kritischer Beigeschmack bei allen Corona-Themen durchaus angebracht – es ist und bleibt ein Wartespiel. Nicht nur die Pandemie selbst, sondern auch ihre HintergrĂŒnde. 

Quellenangaben

JETZT DIESEN BEITRAG MIT FREUNDEN TEILEN

Artikel zum Thema Corona-Krise sind sehr transitorisch jedoch zum Zeitpunkt der Publizierung auf dem aktuellen Stand. Änderungen mit Vorbehalt.