Syrien-Konflikt – nach 10 Jahren kein Ende in Sicht

Syrien-Konflikt – nach 10 Jahren kein Ende in Sicht

Kinder in Ruinen der syrischen Stadt Idlib. / UNICEF – Giovanni Diffidenti

SYRIEN 🇸🇾 | Im Frühling 2011 beginnt mit gewaltsamen Auflösungen von Protesten in Syrien ein Bürgerkrieg, der auch noch bis heute anhält. Während weite Teile des Landes mittlerweile wieder unter der Kontrolle der syrischen Regierung stehen, werden besonders der Nordosten und die Region Idlib weiterhin umkämpft.

Angst vor türkischer Offensive

Der hauptsächlich von Kurden bewohnte Nordosten des Landes steht schon seit ungefähr fünf Jahren unter kurdischer Selbstverwaltung. Im Oktober 2019 kündigte die Türkei eine Militäroffensive gegen diese an. Wenige Tage später rückten pro-türkische Milizen in das Gebiet vor, das an der Grenze zur Türkei liegt, und griffen die Bewohner an. Aus der Sicht von Kritikern sei dies ein Verstoß gegen das Völkerrecht. Doch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beruft sich auf das Adana-Abkommen mit Syrien.

Nach diesem dürfen türkische Truppen 15 Kilometer in syrische Gebiete vordringen, wenn eine terroristische Bedrohung besteht. Da die kurdische Selbstverwaltung durch die kurdische Partei PYD und die kurdische Volksschutzeinheit YPG in Verbindung mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK steht, hält Erdogan diese für eine Terrororganisation. Mit der Militäroffensive wollte sich die Türkei gegen die potenzielle terroristische Bedrohung der Kurden verteidigen.

Seitdem kommt es in dem Gebiet immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Türkei-nahen Milizen. Anfang dieses Monats soll es immer wieder zu Angriffen auf kurdische, christliche und arabische Dörfer in der Region gekommen sein. Kurdische und christliche Milizen, die eng zusammenarbeiten, fürchten sich daher vor einer erneuten Offensive der Türkei und deren verbündeten Milizen.

Unterstützung von der syrischen Regierung sind für die kurdische Selbstverwaltung nicht zu erwarten. Machthaber Baschar al-Assad möchte wieder die Kontrolle über das gesamte Land gewinnen. Zudem unterhalten die Regierungstruppen sowie deren Verbündeter Russland in der Region Militärstützpunkte.

Auch die USA sind in Syrien noch präsent. Zuerst gingen die amerikanischen Truppen noch als Verbündete mit den kurdischen Milizen gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) vor. Nach dem Sieg über diese ließen die Amerikaner die Kurden allerdings im Stich und ermöglichten so die Offensive der Türkei.

Letzte Rebellenhochburg in Idlib

Ebenfalls in der Provinz Idlib im Nordwesten des Landes gehen die Ausschreitungen weiter. Sie gilt als die letzte verbliebene Rebellenhochburg im Land. Hier kontrollieren vor allem islamistische Milizen das Gebiet.

Seit 2019 gehen syrische Regierungstruppen mit Unterstützung Russlands immer wieder gegen die Region vor. Auch Idlib will Assad wieder unter seine Kontrolle bringen. Dadurch gerät er in einen Konflikt mit der Türkei, die die in Idlib ansässigen Rebellen unterstützt. Außerdem befürchtet die türkische Regierung, dass noch mehr Syrer vor den Ausschreitungen in die Türkei flüchten. Durch türkische Militärposten soll also eine Militäroffensive Assads verhindert werden. Doch das bleibt ohne Erfolg. Anfang 2020 kommt es in Idlib auch zwischen der türkischen Armee und syrischen Regierungstruppen zu Gefechten. Im März einigen sich Türkei und Russland auf eine Waffenruhe, die jedoch immer gebrochen wird.

Schlimmste Hungerkrise bislang in Syrien

Der seit zehn Jahren andauernde Bürgerkrieg hat die humanitäre Lage in Syrien extrem verschlechtert. Laut der Welthungerhilfe haben mehr als zwölf Millionen Syrer nicht genug zu essen. Es ist die bislang schlimmste Hungerkrise im Land. Nach Angaben der UN sind 60 Prozent der Bevölkerung davon betroffen. Besonders die Flüchtlinge im Land leiden unter der Situation.

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Die Ausbreitung der unterschiedlichen Gruppierungen im Bürgerkrieg in Syrien von 2013 bis 2020

Laut dem UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR)  leben innerhalb des Landes mittlerweile 6,7 Millionen Geflüchtete. International sind es 6.6 Millionen geflüchtete Syrer, wovon 5,6 Millionen in Länder in der Nähe Syriens untergebracht wurden. In Syrien brauchen außerdem 13,4 Millionen humanitäre Hilfe und Schutz, so der UNHCR.

Ende März sollten daher bei der fünften Geberkonferenz der Vereinten Nationen (UN) und der Europäischen Union in Brüssel Hilfsgelder für Syrien gesammelt werden. Dabei kamen ungefähr 5,4 Milliarden Euro zusammen. Nach Ansicht der Hilfsorganisation Oxfam ist das zu wenig. So wurden im vergangenen Jahr ca. 1,6 Milliarden Euro mehr eingesammelt. Mindestens 10 Milliarden US-Dollar wären allerdings benötigt worden, wie Filippo Grandi, hoher Flüchtlingskommissar der UN, im Vorfeld der Veranstaltung berichtete.

Konflikt dauert seit 10 Jahren an

Anfang des Jahres 2011 kommt es im Rahmen des Arabischen Frühlings auch in Syrien zu Protesten gegen die Regierung. Die Demonstranten fordern demokratische Reformen und den Rücktritt Assads, der seit 2000 als Nachfolger seines Vaters Hafiz al-Assad syrischer Präsident ist. Im März desselben Jahres beginnt die Regierung die Proteste aufzulösen. Dabei geht das Militär immer brutaler vor und setzte Panzer und Scharfschützen ein.

Im Juli 2011 schließen sich tausende Soldaten, die zuvor aus der Armee ausgetreten waren, zur Rebellenmiliz „Freie syrische Armee“ zusammen, um Assad zu stürzen. Von ihr spaltet sich bald die islamistische-salafistische Miliz „Ahrar al-Scham“ ab. Auch andere oppositionelle Gruppen beginnen sich nach ihrer Religion und Herkunft zu organisieren. Im Nordosten des Landes entstehen so etwa kurdische Milizen. Die unterschiedlichen Rebellengruppen übernehmen bald die Kontrolle in weiten Teilen des Landes. Ab 2012 beteiligen sich auch Terrororganisationen, wie die „Al-Nusra-Front“, an dem Konflikt.

2013 werden die Ausschreitungen noch brutaler. Die Regierungstruppen setzen nun auch das Nervengas Sarin ein. Laut Chemiewaffenkonvention ist die Verwendung solcher Giftgase verboten. Zudem mischt sich nun auch die radikale Gruppierung „Islamischer Staat im Irak“ (ISI) in den Konflikt ein. Sie benennen sich vorerst in „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ (ISIL/ISIS) um. Schnell erobert sie zahlreiche Städte und verübt Massaker an der Bevölkerung.

Ab 2014 nennen sie ISIS nur noch „Islamischer Staat“ (IS). Sie rufen in den von ihnen kontrollierten Gebieten das Kalifat aus und beginnen Hinrichtungen zu filmen. So will der IS Angst verbreiten. Nun greift auch die USA ein. Die amerikanischen Truppen beginnen Stellungen des IS zu bombardieren.

2015 wird das Jahr der großen Flüchtlingswelle. Bereits Anfang des Jahres sind laut UN 3,8 Millionen Syrer ins Ausland geflüchtet. Innerhalb des Landes zählt die UN 7,6 Millionen Flüchtlinge.

In den folgenden Jahren gelingt es den syrischen Regierungstruppen mit Hilfe Russlands, immer mehr Gebiete zurückzuerobern. Auch vom IS kontrollierte Städte können zurückgewonnen werden. Im Dezember 2017 verkündigt der russische Präsident Wladimir Putin sogar, dass ganz Syrien vom IS befreit sei. Die kurdische SDF-Miliz gibt allerdings erst im März 2019 bekannt, dass der IS endgültig vernichtet wurden sei.

Im Juni 2018 greifen Assads Truppen nun auch die Rebellengebiete im Südwesten des Landes an. Ihnen gelingt es die Kontrolle über die Gebiete wiederzuerlangen. Somit bleibt Idlib die letzte Rebellenhochburg Syriens, die die Regierungstruppen ab 2019 auch angreifen wird.

Quellenangaben

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