Großunternehmen verhindern Lösungen zur Plastikkrise

Großunternehmen verhindern Lösungen zur Plastikkrise

Plastikhersteller versuchen Gesetze gegen Einwegplastik hinauszuzögern und die Müllberge stapeln sich.

INTERNATIONAL – SPANIEN | Der Bericht “Talking Trash” der niederländischen Changing Markets Foundation zeigt, dass große Supermärkte und Lebensmittelmarken die Produktion von Einwegplastik erhalten wollen. Sie präsentieren sich nach außen hin lösungsorientiert, versuchen aber seit Jahrzehnten das Durchsetzen von legislativen Prozessen zu verzögern oder zu verhindern. Die Stiftung hat den Sachverhalt mit investigativen Journalisten, Wissenschaftlern und Experten in über 15 Länder und Regionen auf fünf Kontinenten untersucht.

Der Bericht hat die weltweiten Top-10 Plastikverschmutzer unter die Lupe genommen: Coca-Cola, Colgate-Palmolive, Danone, Mars Incorporated, Mondelēz International, Nestlé, PepsiCo, Perfetti Van Melle, Procter & Gamble und Unilever. Zusammen haben sie einen Plastik-Fußabdruck von fast 10 Millionen Tonnen im Jahr. Ihre freiwilligen Anti-Plastik-Maßnahmen sollen laut der Studie ablenken und Gesetze vermeiden, welche die Plastikverschmutzung wirklich eindämmen würden. Dabei nutzen sie sogar die Coronakrise als Ausrede, um bestehende Umweltgesetze zu torpedieren. Ihr Ziel sei es, weiterhin billigen Wegwerfplastik in die Umwelt zu schleudern.

Obwohl die Firmen sich nach außen hin mit freiwilligen Initiativen schmücken, sind sie Unterstützer und Mitglieder von Wirtschaftsverbänden, die sich mit dem Verzögern und Abschwächen von grünen Gesetzgebungen beschäftigen. Viele dieser Marken haben in der Vergangenheit freiwillige Projekte gestartet, die inzwischen verändert oder vergessen wurden. Coca-Cola ist zum Beispiel an zehn Initiativen beteiligt, die das Plastikproblem lösen möchten, aber gleichzeitig Mitglied von mindestens sieben Organisationen, die sich gegen die Einführung eines Pfandsystems und Gesetze einsetzen, die Einwegplastik vermindern würden.

Gerade Coca-Cola, Unilever und Danone scheinen sich nach außen hin stark im grünen Sektor einzusetzen. Coca-Cola, der mit Abstand größte Plastikverschmutzer, hatte sich schon 1990 das Ziel gesetzt, Flaschen aus 25-prozentig-recyceltem Material herzustellen. Bis heute haben die Coca-Cola-Flaschen aber nur 10 Prozent wiederverwertetes Material in sich.

Somit bieten Plastikhersteller Scheinlösungen an und veröffentlichen teilweise wissenschaftlich zweifelhafte Studien, die ökologische Vorteile von Mehrweg infrage stellen und auf die Abschaffung von Pfandsystemen und Einwegplastik-Verboten drängen.

Spanien ist einer der weltgrößten Plastikverschmutzer

Laut “Talking Trash” werden in den 40 Ländern mit einem etabliertem Pfandsystem 90 Prozent aller Flaschen recycelt. Somit werden sie nicht in die Natur geworfen, vergraben oder verbrannt. In Spanien allerdings, einem der weltgrößten Plastikverschmutzern, kaschiert die Plastikindustrie das Ausmaß der Krise und verhindert die Umsetzung von Möglichkeiten, die das Problem effektiv bekämpfen würden.

Spanien ist der viertgrößte Konsument von Plastikverpackungen. Europaweit verbraucht das Land allein zehn Prozent des Einwegplastiks. Abgesehen von dem der Türkei stammt der meiste Plastikmüll im Mittelmeer aus Spanien.

Die Regierung gibt zwar an, viel zu recyceln, doch die veröffentlichten Zahlen stimmen nicht mit denen von Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace überein. Die Politik sei nicht transparent genug, und gemeinnützige Organisationen wie Ecoembes liefern Jahr für Jahr falsche Zahlen.

2017 hat Spanien laut Ecoembes 69,7Prozent recycelt, doch laut Greenpeace waren es nur 25,4Prozent.

Ecoembes beschäftigt sich mit der Wiederverwertung von Plastik in Spanien – doch 60Prozent seiner Aktien liegen in den Händen von Unternehmen der Plastikindustrie.

“Sie haben eine Menge Geld und geben alles für Kommunikation aus. Es ist schwer sich gegen sie zu stellen, weil sie fast alle Medienunternehmen gekauft haben. Es gibt Leute, die sich gegen die Lügen von Ecoembes aussprechen, aber weit kommen sie nicht, da Ecoembes die Medien bezahlt und alles vertuschen lässt.”, so Juantxo López de Uralde, spanischer Politiker und ehemaliger Leiter von Greenpeace Spanien.

Die Investigation in Spanien zeigt, dass Plastikindustrie, aber auch Supermärkte sich querstellen, wenn es ums Recyclen von Plastikmüll geht. Mercadona and Carrefour drohen sogar die Produkte von Marken aus den Regalen zu nehmen, die sich für ein Pfandsystem aussprechen.

Carlos Arribas vom Verband Ecologistas en Acción nannte ein weiteres Beispiel: “Der jüngste Versuch das Pfandsystem zu umgehen ist das ‘Reciclos de Ecoembes’ Projekt. Es würde Leute (mit Coupons auf dem Smartphone) belohnen, die Plastik in einen gelben Sammelcontainer werfen (und dies fotografieren). Das ist nur eine weitere Ablenkung und Scheinlösung, die das Problem umgeht und ein Hindernis für das notwendige Pfandsystem ist.”

Die Plastikproduktion soll sich bis 2030 verdoppeln

Seit 1950 wurden nur neun Prozent aller Plastikarten recycelt. 12Prozent wurden verbrannt und 79liegen in Mülldeponien oder in der Natur. Die Plastikkrise ist nicht nur eine Klimakrise, sondern gefährdet auch die öffentliche Gesundheit.

“Talking Trash” stellt eine klare Forderung an Politiker und Plastikkonzerne: Es sollte verpflichtend sein, mindestens 90Prozent des Plastikmülls zu trennen und überall ein Pfandsystem einzuführen. Wiederverwertung sollte innerhalb der Produktion angestrebt werden  – der Markt sollte ein gesetzliches Minimum von recyceltem Material nutzen.

Ansonsten wird die traurige Prognose vermutlich wahr: Die Plastikproduktion wird sich bis 2030 erneut verdoppelt haben.

Quellenangaben

Der Plastikmüllberg steigt weiter an. / Pexels - Magda Ehlers
Der Plastikmüllberg steigt weiter an. / Pexels - Magda Ehlers
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